Kleine
büblioviehische Schafologie,
nach unwissenschaftlichen
Maßstäben zusammengebraut
von Bäh¹ Poldi Lamm
1.
Das Altschaf, sprach perfekt Latein oder Griechisch. Es sind auch schon Exemplare festgestellt worden, die Hebräisch konnten, das hängt jedoch von Zeit und Ort ab. Das Altschaf kleidete sich gern glatt ohne Wolle, oder seine Haut war weißgegerbt. Meist war sein Verstand von Theologie (→ allgemeingültige Schafskirche) zerrüttet, so daß es wie eine Predigtsammlung oder ein Kommentar der heiligen, zweiteiligen Schafschrift blökend daherkam.
Doch lassen sich nach genauem Studium dieser Unterart auch andere Exemplare nachweisen, die fast lyrisch waren, bisweilen beinah modern wissenschaftlich. Schlimm erscheinen uns nachgeborenen Schafen die Fälle der Altschafe Miguel und Giordano, beide wegen irriger, schafsköpfiger Ansichten entschaft, das eine zu Genf, das andere im sonnigen, sonst sehr schaffreundlichen Italien.
2.
Die Dumpfschafe lebten in einer freudlosen Zeit, unterdrückt von der schäflichen Inquisition der allgemeingültigen Schafskirche, die in jeder Herde zur Ermahnung potentieller Abweichler Haufen Holzes zusammentragen ließ, auf denen ketzerische oder gar hexerische Schafe gegart werden konnten – und ketzerisch war ihnen bereits alles, was nicht genau mit ihren Lehren bis aufs kleinste Bählautlein übereinstimmte – und hexerisch war ihnen bereits alles, was ihren festangestellten inquisitorischen Schafsköpfen der allgemeingültigen Schafskirche über deren schmalen Schafhorizont ging, insbesondere Thesen über die kugelige Gestalt der Schafwelt oder Heilmethoden, die auf Erkenntnissen über die Schafnatur beruhten. Lag doch alles Wissen und alle Weisheit allein in ihrer heiligen, zweiteiligen Schafschrift.
Darum bekriegten sie sich auch höchst unschäflich mit einer anderen, mindestens ebenso närrischen Fraktion, die den Lehren eines gewissen Schafes namens Löblich folgte, das allen Ernstes meinte, einmal auf einem Pferd geritten zu sein und ansonsten Bäh-Umgang mit dem allerhöchsten Schafgott, Mobego, zu treiben.
3.
Die wiedergeborenen Schafe waren die ersten, die vergnügt nach hinten und um sich sahen, wo ihre Vorläufer bereits entlanggetrottet waren und wo sie vielleicht noch hintrotten könnten, um auf diesen Pfaden die Weisheit der alten Schafe und die Schönheit der Welt wieder- bzw. neuzuentdeckten. Sie waren fleißig, lernten Bäh-Sprachen, bastelten sich Geräte, die Schafwelt besser zu verstehen, und übten sich eifrig in den Künsten, so daß herrliche Schafgemälde und -plastiken unter ihren Klauen entstanden.
Ich darf nur an das herrliche, milchglückliche, wollfeine Lächeln des Schafes „Lisa“ auf dem berühmte Gemälde von Leo erinnern, um allen Lesern die Höhe dieser Kunst in Erinnerung zu rufen.
4.
Das Bährockschaf pfiff, um auf sich aufmerksam zu machen, komplizierte mehrstimmige Melodien und trug gezierte, mit Kupfern bedruckte Wäsche unter dem Rock. Einige der Herden dezimierten sich eine ganze Schafgeneration lang gegenseitig wegen etwas, das den Schafshirnen nach kurzer Zeit entfiel, das aber irgendwie, so berichtet die Überlieferung der Schafsannalen, mit der allgemeingültigen Schafskirche zu tun gehabt haben soll.
5.
Das aufgeklärte Schaf, dies war die lustigste Generation von Schafsköpfen. Die aufgeklärten Schafe ersetzten die allgemeingültige Schafskirche durch den Schermechanismus, und den blaublütigen Schafadel durch Pamphlete. Aber auch sonst waren sie kulturell aktiv, erstmals wurde versucht, alles Schafwissen, aber auch wirklich alles, in ein paar Schaflederdeckel zu verpacken. Gleichfalls geht die moderne, wollkuschelige Schaferotik auf ihre kleinen Schriften zurück (→ Sadoschaf).
6.
Das Blaublumschaf wurde daran erkannt, das es die Augen verdrehte und sehr abgehoben und in Reimen oder unsäglich langen Bäh-Diskursen sprach. Es endete meist in tragischen oder pseudotragischen Posen, liebte Schaf- oder Hirtenmärchen, Mythen, Verwirrungen, unvollständige Werke, unvollständige Lebensläufe, ging den Schäferhunden geflissentlich aus dem Weg, wie es sich auch kaum in der Schafspolitik engagierte, und wandte sich in den letzten seiner Schafjahre meist der allgemeingültigen Schafskirche zu und wurde langweilig. Aber das kann auch später geborenen, anders gestrickten Schafen noch passieren.
7.
Das klassische Schaf war eine kleine Gruppe eingebildeter, bewollter Vierbeiner, die sich eigentlich ganz unschafisch gaben, indem sie sich von den Blaublum- und Windschafen abzusetzen trachteten, diese mit Spott überzogen, so daß deren Fell verklebte, und außer einer gewissen Rückwärtsgewandtheit im Gehen, da sie dauernd mit den Schafsaugen nach hinten sahen, wo die Altschafe wohl steckten, nichts Neues in die Schafwelt brachten.
Das berühmteste Stück dieser Gruppe, „Huf“, wird immer noch ziemlich häufig auf Provinzbühnen aufgeführt, und die Zuschauerschafe lachen stets auf das Schafherzlichste während der letzten Szene, wo der anonyme Schafsautor sich zum „Ewighammeligen“ versteigt. An dieser Stelle muß auch Fritz the Sheep gedacht werden, der in „Zorro Aster“² das Überschaf erfand, das sich mit anderen Vierbeinern wie Pferden verständigen kann – natürlich ist das eine Mär, es gibt keine Überschafe und wird nie welche geben, das Schaf-Tum ist die Basis des Schaf-Seins³, das sich einzig im schafigen Hier-Jetzt äußert (→ Schafologie, → Ontoschafologie).
8.
Das Jung- oder Neuschaf, spricht Schafisch, kleidet sich gern in Papierklamotten, die möglichst bunt sein müssen, um es genügend zu erfreuen. Ohne diesen Umhang fühlt sich es nur halb als Schaf. Leider ist es arg den Modeströmungen der Schafmagazine unterworfen, so daß beim Neuschaf keine Bäh-Rede sein kann von Bähständigkeit, Weltanschauung, schafspolitscher Zuordnung u.s.w.
Schlußbemerkung:
Zum Schluß sei eines so heiklen Themas wie dem der schwarzen Schafe gedacht. Obgleich fast alle Schafe sich mit feinen, wollkuscheligen Stoffen oder Papier bekleiden und helle oder bunte Farben bevorzugen, gibt es auch unter den Schafen nichtswürdige Ausreißer, die sich von den anderen durch ihre Schwärze abheben wollen. Fritz the Sheep war solch ein Schaf, das Generationen von schafsköpfigen Schafphilosophen in schlechtes Licht brachte, obgleich sich sogar anständige Schafe fanden, die ihn lasen oder ihm sogar schafsäugig zustimmten.
Weitere Beispiele für diese Abschafigkeiten sind die Schafpoeten Johann Arthur, Will und Karl Alg. Hausschaf Alfred schreckte sogar nicht davor zurück, zum ersten Male auf einer Stallbühne das Wort „Dünger“ auszusprechen.
In gesitteten Zeiten wie den unsrigen ist es nicht mehr Brauch, abschafige Schafe zu garen, in die Stallecke zu setzen oder aus der Herde zu stoßen, wir nutzten all unsere schafspädagogischen Fähigkeiten, sie auf den Trottpfad der Tugend zurückzuholen. Mögen wir auch fürderhin darin erfolgreich sein.
¹ »Bäh« ist kein Vorname, sondern ein akademischer Schafsgrad, der in etwa unserem Doktor der Philologie oder Germanistik entspricht; in Zusammensetzungen mit anderen Wörtern bedeutet »Bäh« soviel wie »Schaf«, »Sprach« oder »Zwi« (Anmerkung des Herausgebers – zurück zum Text).
² Die Aster soll, angemessen mit Soße angerichtet, eine Lieblingspeise philosophischer Schafe sein (freundliche Mitteilung von Bäh Lamm – zurück zum Text).
³Diese Unterscheidung geht auf die philosophische Richtung von Bäh Heidschnucke zurück (freundliche Mitteilung von Bäh Lamm – zurück zum Text).
„Mæcenas
im Vogelreich“
oder:
„Die virtuellen Stellenanzeigen“
Vor nicht allzu langer Zeit lebten in einem Nest nahe eines Sees zwei Spatzen brüderlich beieinander, teilten die Körner und was sie sonst noch fanden, lobten die frische Luft und lasen die Neuerscheinungen. Dann kamen plötzlich wie aus heiterem Himmel zwei arg bunte Vögel dahergeschossen, die sich „Neweconomy“ und „Worldwideweb“ nannten, redeten in Zungen aus ihren Schnäbeln, so daß sie ziemlich unverstanden blieben. Doch einige der Zwitscher gingen immerhin durch die Spatzenohren in die Gedanken und Träume der beiden ein. Wir lesen, so dachten sie, also sind wir auch fähig, mit Büchern zu handeln. Flugs eröffneten sie im virtuellen Raum um sich einen virtuellen Bücherladen, der nach einiger Zeit so halbwegs ging, erwarben Aktien diverser Vogelfirmen, die anderen Luftgespinsten oder -gespenstern hinterherflogen, und rundeten endlich ihr wolkiges, virtuelles Imperium mit einer Altpapiervermittlung ab, die sie günstig für ein paar Körner von den Alteignervögeln erwerben konnten.
Als das Geschäft mit den Frischbüchern, die stets eifrisch aus der Schale kamen, nicht mehr so recht lief, weil auch andere, größere Vögel nicht auf ihren unausgebrüteten Eiern sitzengeblieben waren und Ähnliches auf die Krallen gestellt hatten, stießen die beiden Spatzen den Namen des Frischbuchgeschäftes und was sonst so dazugehörte ab. Die Aktien dümpelten vor sich hin, ärgerten sich, daß sie kaum beachtet wurden und trugen so auch nicht zur Freude der beiden bei. Doch die Altpapiervermittlung erwies sich als eine kleine Körnergrube. Immer mehr Altpapierhändler ließen ihre Altpapierfetzen über die Altpapiervermittlung vermitteln, sorgten sich nicht mehr um andere Absatzwege, die sie früher auf müden Krallen abgelaufen waren, sondern vertrauten den beiden Spatzen, was denen wohltat, denn sie meinten sich geliebt.
So hätte alles in Friede und Freude weitergehen können, wäre da nicht in den beiden Spatzen etwas gewesen, daß sie nach höheren Wolkenkuckucksheimen streben ließ. Was, so dachten sie bei sich, ist schon eine Altpapiervermittlung, wie werden wir in die Spatzenannalen eingehen, was wird man von uns denken. Nachdem sie sich lange genug so herumgequält hatten, gaben sie eine virtuelle Stellenanzeige auf. Und wieder schoß ein bunter Vogel vom fast wolkenfreien Himmel am See herunter, so daß er fast die Kurve nicht mehr hinbekommen und sich beinah im Sturzflug in den Sand gebohrt hätte, und krähte etwas erschöpft durch die flugtechnische Leistung, daß es doch rühmlich sei, selbst zu handeln. Oh, dachten sich die beiden Spatzen, machen wir doch auch eine Altpapierhandlung auf, deren altpapierne Fetzen von unserer Altpapiervermittlung vermittelt werden können, das kostet uns nichts, denn die anderen Altpapierhändler zahlen ja für alles viele, viele Körner in unser Nest. Aber auch dies bereitete den beiden Spatzen kaum Vergnügen, staubige alte Fetzen bleiben staubige alte Fetzen, entstauben ist mühevoll, und die Fetzen abzählen und sie in den richtigen Sinnzusammenhang bringen ist mindestens ebenso mühevoll.
Und wieder gaben die beiden Spatzen eine virtuelle Stellenanzeige auf, und wieder schoß ein bunter Vogel vom fast wolkenlosen Himmel und krähte ihnen ins Ohr, daß sie doch nun eigentlich genug Körner hätten, und für Nachschub sei auch gesorgt, so müsse man an die Spatzenreputation denken und etwas für die Kultur tun. Ja, dachten die beiden Spatzen bei sich, das ist fein, wir haben schon eine Stiftung für arme Spatzenkinder in fernen Nestern, dann können wir auch den vielfarbigen Kunstvögeln helfen, heben wir doch einfach einen großen Körnerpreis aus dem Nest. Flugs wurde jedes Jahr ein Wettkunsten veranstaltet, und am Ende jedes Wettkunstens kamen zur Körnerverleihung auch die Oberkulturvögel aus der Wolkenkuckucksheimhauptstadt und gaben den beiden Spatzen die Kralle.
Aber, so sannen die beiden Spatzen vor sich hin, so eine jährlich wiederkehrende Körnerverleihungsveranstaltung ist toll, aber zwischendurch vergessen uns die anderen Vögel, wir brauchen da eine Idee, damit wir das ganze Jahr über respektierlich angeschaut werden. Und nochmals gaben die beiden Spatzen eine virtuelle Stellenanzeige auf, und nochmals schoß ein ziemlich bunter Vogel vom fast wolkenlosen Himmel und krähte ihnen, diesmal etwas ungehalten, denn es handelte sich immer um denselben Vogel, der langsam auch keine Ideen mehr bekam, ins Ohr, daß sie ein Körnermuseum, eine Körnerbibliothek oder was auch immer gründen sollten, die allen anderen Vögeln, gleich ob bunt oder grau, groß oder mittel oder klein, jeden Tag gegen geringes Korn offenstehen müsse, und über der Eingangspforte zum Bibliotheksnest solle groß ihrer beider Spatzenname stehen.
Das fanden die beiden Spatzen nun die schlußendlich beste Idee des arg bunten Vogels, und sie setzen alles daran, dies Wolkenkuckucksheimnest zu verwirklichen, erhöhten den Altpapierhändlern, die ihre Altpapierfetzen auf der Altpapiervermittlung der beiden Spatzen anboten, das Körnersalär, und bewarben sich mit reichlich viel Säcken voller Korn um Ausstellungswürdiges.
Und wenn sie nicht zwischenzeitlich davongeflattert oder auf andere Ideen gekommen sind, dann werden sich die beiden Spatzen irgendwann verewigen.
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